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Vom Umgang mit Nachrichten & Social Media

Gastgeberin
Isabell Prophet
Nachrichten sind nicht für Menschen gemacht. Wer das Prinzip versteht, kann sie klüger konsumieren.

Nachrichten und Social Media sind nicht gemacht, um euch zu informieren. Sie sind nicht gemacht, damit ihr ein gutes Leben führt. Nachrichten und Social Media sind Systeme, die sich selbst füttern und ihr füttert sie auch. Ich kenne mich berufsbedingt mit beidem extrem gut aus. Wie ihr so mit ihnen umgeht, dass ihr gut durch diese Zeit kommt, informiert bleibt, euch aber nicht niederdrücken lasst, erkläre ich in der neuen Folge RUSH HOUR.

Ich nehme diese Folge auf, während der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine schlimmer wird. Was gerade in der Welt passiert, ist bedrohlich. Es ist eine reale Bedrohung. Menschen haben Angst. Die Lage entwickelt sich dynamisch, wir wissen nie so genau, was gerade passiert.

Als ehemalige Nachrichtenjournalistin und langjährige Expertin für Social Media, Krisen und Psychologie kann ich euch sagen: Ihr müsst das auch nicht wissen. Ich muss es nicht wissen. Keine von uns muss es wissen, jedenfalls nicht in der Taktung und Detailtiefe, wie es gerade passiert. 

Wir können unseren Nachrichtenkonsum so gestalten, dass er uns wirklich informiert. Statt uns psychisch fertig zu machen. 

Mit Nachrichten fange ich an, später in dieser Folge erzähle ich noch etwas zu Social Media. 

Ich schaue mir mal eine Nachrichten-Startseite an. Also. Ganz oben: Ein Busunglück in Bayern. Eine umstrittene Verfassungsreform in Belarus, die Russland stärkt. Und die Nord Stream Stiftung. Ich würde sagen, bei mindestens einem Thema habt ihr gerade keine Ahnung, worum es geht. Es betrifft euch nicht – aber es klingt alles bedrohlich.

Titelgeschichte: die Flüchtlinge aus der Ukraine. 

Eins tiefer: Wirtschaftskrise, Gefechte, dann diplomatische Drohungen.

Noch eins tiefer folgt das sinnloseste aller Nachrichten-Formate: die Nacherzählung einer Talkshow. Und dann noch die Nachricht, dass das größte Flugzeug der Welt zerstört wurde – ein Einzelstück. 

Da sind eine Menge extrem wichtiger Sachen dabei – aber auch, ganz ehrlich, sinnloser Scheiß. Dabei sind Fotos, die von den Agenturen des Aggressors, also Russlands, herausgegeben wurden. Das ist reines Propaganda-Material. 

Da sind Gerüchte dabei. Da sind Details dabei, die man schön weitererzählen kann: Guck mal, das größte Flugzeug der Welt ist kaputt, haste gehört?

Und alle diese Dinge machen eure Köpfe voll und sie machen es schwer, durch den Tag zu kommen. Was davon müsst ihr wirklich wissen?

  1. Der Angriff hält an.
  2. Es zeichnet sich ab, dass es langsamer vorangeht.
  3. Es kommen Flüchtlinge nach Deutschland, vielleicht könnt ihr etwas spenden.
  4. Falls es euch betrifft, schaut eventuell mal in eure Aktiendepots. Oder vielleicht auch lieber nicht.

Es ist für den Moment wirklich nur das. Mehr müssen wir alle nicht wissen.

Stattdessen stehen sich bei den Nachrichten zwei Seiten gegenüber:

Auf der einen Seite stehen wir Menschen. Wir wollen informiert sein. Wir wollen Anteil nehmen. Wir wollen unsere Augen nicht vor dem Leid anderer verschließen.

Auf der anderen Seite stehen die Nachrichten-Redaktionen. Sie wollen gute Nachrichten machen. Sie wollen informieren. Sie wollen die Wahrheit schreiben, sie wollen aber auch aktuell sein. Und hier wird es schwierig. Denn Nachrichten-Redaktionen brauchen ständig neue Geschichten. Sie dürfen kein Detail auslassen, sonst setzen sie sich der Kritik aus, Dinge nicht zu erzählen.

Und sie wollen die Ersten sein und wichtige Dinge auf die Telefone der Menschen pushen. Diese Push-Nachrichten signalisieren Relevanz. 

Ich habe das alles selbst gemacht. Während der Kriege, Krisen und Konflikte im Jahr 2014 habe ich da gesessen, Nachrichten getippt. Ich war schnell, ich war sehr gut darin und ich hatte Nerven wie Drahtseile. Ich habe auch manchmal Bildredaktion gemacht – dabei sortiert man Bilder danach, ob sie zu viele blutige Details für die Öffentlichkeit enthalten. Ich habe das alles gerade jeden Tag vor Augen, denn diese Bilder gehen nicht mehr weg.

Bei der Arbeit als Nachrichtenjournalistin geht es darum, die Wahrheit zu erzählen. Sie schnell zu erzählen und möglichst vollständig. Es geht auch darum, die Lage der Welt beherrschbar und überblickbar zu machen.

Es geht, und das muss ich so hart sagen, es geht dabei nicht um die Leserinnen und Leser. Nachrichten sind ein Geschäft und wie man das Produkt konsumiert, ist nicht Sache der Herstellenden. Das ist nicht böse gemeint, das ist einfach normal. Nachrichten und Schokoladenriegel unterschieden sich darin nur unwesentlich. 

Wie also konsumieren wir Nachrichten klüger?

  1. Lest selektiv. Der Nachrichtenticker ist möglicherweise spannend, klar. Aber er zeigt nahezu ungefiltert, was die Nachrichtenagenturen geschickt haben. Lest lieber die großen Geschichten, die Ereignisse wirklich erklären. Oder lest Nachrichtenartikel, die sachlich beschreiben, was am Tag passiert ist. Lest Analysen, aber seid umsichtig bei Kommentaren. Und lest wirklich niemals Talkshow-Zusammenfassungen. Die erzählen nur nach, was Menschen Plakatives gesagt haben und das bringt euch nicht weiter. 
  2. Deaktiviert sämtliche Push-Meldungen. Wirklich alle. Auch die allerdringendsten. Wenn der Krieg nach Deutschland käme, dann würde euch sofort jemand Bescheid geben, Trust me. Ihr braucht die Nachrichten dafür nicht. Ihr müsst in eurem Alltag auch nicht alles sofort wissen. Ihr helft damit niemandem, wenn ihr alles wisst, ihr schadet euch nur selbst. Es nutzt niemandem. Das bringt mich zu Punkt 3:
  3. Akzeptiert eure Machtlosigkeit. Es fühlt sich nicht gut an, aber es ist so: Die meisten von uns können nichts tun. Statt Nachrichten zu lesen, könnt ihr mal checken, wer in eurer Stadt Spenden sammelt, ob es vielleicht in der Nähe Notunterkünfte gibt, die etwas brauchen. Meine Nachbarin sagte mir gestern, in Berlin würden Rutscheautos gesucht. Ich hätte es nicht gewusst! Aber ein Rutscheauto habe ich – und dank ihr jetzt auch eine Liste mit Sachen, die ich spenden kann, weil sie wirklich braucht werden. DAS kann ich tun. 
  4. Teilt keine Nachrichten in Social Media. Einige von euch posten neuerdings Screenshots von Nachrichten oder Push-Mitteilungen in ihren WhatsApp-Stories. Macht das nicht. Ihr erwischt vielleicht den Freund, der noch ein Trauma aus seiner Kindheit hat. Ihr erwischt vielleicht die Freundin, die gerade ein paar Stunden Ruhe brauchte und eigentlich auf der Suche nach Zerstreuung war. Ihr nehmt also das, was euch selbst belastet, und schießt damit auf eure Freundinnen und Freunde. Macht. Das. Nicht.
  5. Wenn ihr über Nachrichten reden wollt, fragt, ob der oder die andere dazu gerade bereit ist. Wenn die Antwort Nein lautet, dann ist das okay. Ihr werdet jemand anderen finden. Oder ihr überlegt euch, ob ihr nur aufgefangen werden wollt und wenn so ist: wer überhaupt dafür qualifiziert ist. Freidrehend seine Freundschaften zu belasten ist eventuell nicht so eine gute Idee, denn eure Freundinnen und Freunde haben auch eigene Sorgen und einige haben vielleicht gerade nicht die Kraft, euch zu trösten. Und ihr selbst dürft auch mal Nein sagen. Das macht euch nicht zu schlechteren Menschen. Es macht euch zu umsichtigen Menschen, die ihre Kraft einteilen, um klarzukommen.

Als Menschen tun wir im Leben etwas ähnliches, wie Nachrichten-Redaktionen tun: Wir sammeln Informationen, um die Lage für uns selbst beherrschbar zu machen. Wir erklären sie anderen, gebeten oder ungebeten, um damit nur uns selbst zu zeigen: Ich verstehe das. Ich habe das im Griff. 

Aber wir haben es eben nicht im Griff. Wir haben nicht einmal Einfluss. Und das ändert sich nicht, wenn wir jede neue Information verarbeiten wollen. Das Gegenteil tritt ein: Der Stress steigt. Und mit ihm verlieren wir mehr Kontrolle über das Leben, das wir eigentlich beeinflussen können und müssen. Das Leben um uns herum. 

Und damit zum Thema Social Media. 

Heute Morgen hat mir eine sehr gute Freundin erzählt, was in ihrer Twitter-Blase gerade passiert: Kluge, informierte Menschen machen sich Sorgen, wohin sie fliehen können, wenn der Krieg nach Deutschland kommt. Sie packen Koffer. Sie diskutieren, welche Städte geeignet sind. Sie tauschen sich über Vorräte aus. Und sie spielen Szenarien durch. 

Menschen sind so wahnsinnig kreativ, wenn es darum geht, sich Sachen auszudenken. Und auf Social Media kommt verdammt viel dieser Kreativität zusammen.

Ängste sind wissenschaftlich betrachtet Geschichten. Denken wir über eine Angst nach, dann entwickeln wir also eine Idee zu einer Geschichte. Es entsteht ein was-wäre-wenn-Szenario. Und es ist frei erfunden. Ängste sind erfundene Geschichten. Sie basieren vielleicht auf realen Bedrohungen, aber sie sind Geschichten. Neulich war ich mit meiner Tochter in einem Tierpark. Sie ist über eine Hängebrücke gelaufen, schmerzfrei, wie fast-Dreijährige nun einmal sind. Und natürlich habe ich mich gefragt, was passiert, wenn diese Brücke reißt. Und ich habe es mir in allen Details ausgemalt. Diese Geschichte hat sehr viele reale Anker. Sie ist aber trotzdem frei erfunden. Ich habe mich selbst daran erinnert und habe den Moment dann genossen. 

97 Prozent aller Ängste werden niemals wahr. Wirklich. Gibt’s Studien zu. Von 100 schlimmen Dingen, die wir uns ausdenken, treten nur 15 ein*. 12 von ihnen können wir deichseln, denn die Dinge, die eintreten, sind nicht zwingend die schlimmsten. Nur mit dreien sind wir überfordert, jedenfalls im Schnitt.

Das bedeutet: Wir verbringen sehr viel Zeit damit, uns um Sachen zu sorgen, die wir uns vorher selbst ausgedacht haben. 

Social Media spielt bei diesem Phänomen eine wichtige Rolle. Denn plötzlich sehen wir nicht mehr nur unsere eigenen Szenarien. Sondern auch noch die der anderen. Und diese Szenarien integrieren wir in unsere eigenen Sorgen-Modelle. Die Sorgen werden also mehr. Und das macht uns körperlich krank, weil es Stress auslöst. Wir schlafen schlechter, das Immunsystem kann nicht mehr so gut arbeiten, Verspannungen tun uns weh, der Puls rast und verstärkt die Nervosität. Wir werden unkonzentriert. Das ist es, was Social Media mit uns macht. 

Ich habe deshalb Twitter deaktiviert und Instagram deinstalliert. Ich habe das beides vor exakt vier Wochen getan und den meisten Menschen dürfte es nicht einmal aufgefallen sein. Auf Facebook bin ich schon seit Jahren nicht mehr aktiv. Ich vermisse die Plattformen nicht und sie vermissen mich nicht. Aber mein Leben ist besser geworden, weil ich mich mehr darauf konzentriere. Und weniger auf das, was andere erleben.

Uns stehen mehr Informationen über die Lage der Welt zur Verfügung als jemals zu vor. Das stellt uns vor eine Herausforderung: Wir können nicht alle Informationen konsumieren. Es ist objektiv unmöglich. Niemand besitzt die psychische Stabilität, die Lage der Welt im eigenen Kopf zu verwalten. Und niemand ist dazu verpflichtet. 

Es braucht eine gewisse Disziplin, für einige Stunden die Finger von den Nachrichten zu lassen. Ich rate euch dringend, alle Push-Nachrichten zu deaktivieren. Und dann schafft euch News-Freie Zeitzonen. Das Gehirn braucht Leerlauf, um Informationen zu sortieren und Gefühle zu verarbeiten. Schaut ihr immer auf Social Media oder in die Nachrichten, wenn ihr kurz Zeit dazu habt, dann fühlt sich das zwar einfach an, es macht aber die Psyche kaputt. Weil das Gehirn keine Zeit mehr bekommt, zu verarbeiten. Es muss aber verarbeiten. 

Nehmt euch die Zeit dafür. Passt auf euch selbst auf, dann wird es euch besser gelingen, etwas zu tun, wo ihr wirklich etwas tun könnt.

Vielen Dank fürs Zuhören. Und bis bald.

* In der ursprünglichen Fassung fehlt die Ergänzung, dass 15 der Szenarien eintreten und wir nur mit dreien Überfordert sind. Das ist in der Verkürzung allerdings missverständlich, daher habe ich die Passage angepasst.

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Isabell Prophet
Rush HourFolge 54