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Erschöpfung

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Isabell Prophet

Meine Erfahrung mit dem Burn-out und 6 Tipps, mit denen wir bei Erschöpfung klug reagieren

Manchmal können wir einfach nicht mehr. Dann sind die Anforderungen zu hoch, die Ansprüche unrealistisch, die Energie? Längst alle. Es ist ein Konstruktionsfehler unserer Gesellschaft, dass wir in diesen Zeiten trotzdem weitermachen müssen. Eine Pause, echte Entlastung, Hilfe, das sind immer die klügsten Wege, mit Erschöpfung umzugehen. Von meinen eigenen Erfahrungen, von sehr frühen Warnsignalen und von Dingen, die bei Erschöpfung helfen, erzähle ich in der neuen Folge RUSH HOUR. 

Als ich 29 Jahre alt war schrieb mich meine Hausärztin für drei Wochen krank. Sie riet mir, mich zu entspannen, spazieren zu gehen, irgendwas wie Yoga auszuprobieren.

Ich hatte vorher bei ihr gesessen und von immer wiederkehrenden Erkältungen berichtet, von schlaflosen Nächten, von Unverständnis bei der Arbeit. Von Stressreaktionen, die ich bis dahin von mir nicht gekannt hatte. 

Sie gab mir einen gelben Schein mit – ich musste erst einmal meine Eltern anrufen um zu fragen, was ich damit machen sollte. Keine Ahnung, keine Erfahrung. Ich war zuletzt viel krank gewesen, aber niemals zu Hause geblieben. 

Die Krankschreibung erlaubte ich mir, weil ich eh schon gekündigt hatte. Zum ersten Mal im Leben schien mir meine Gesundheit wichtiger als dieses große Ganze, auf das man in Firmen immer hinarbeitet.

Ich hatte also diesen gelben Schein und stand in Berlin am Südstern. Auf diesen Scheinen steht ein Code. Den Code gab ich in eine Suchmaschine ein. Die Suchmaschine sagte:

Burn-out. 

Das kam mir jetzt irgendwie übertrieben vor. Ich ging nach Hause und las und was die Artikel beschrieben, das passte. 

Okay, jetzt hatte ich also einen Burn-out.

Mit 29 Jahren.

Schön.

Leider hatte ich damals keine Ahnung, wie Erholung funktioniert. 

Inzwischen weiß ich es besser. Ich habe ein Buch über Glück im Arbeitsleben geschrieben und eines über Selbstoptimierung, beide verlinke ich euch. Ich habe als Journalistin für moderne Arbeit viel dazu recherchiert, wie Menschen gut leben und arbeiten können. Und als Mutter eines zwei Jahre alten Kindes habe ich ziemlich viel ausprobiert. Denn Erholung, wenn man nicht gerade drei Wochen lang krankgeschrieben ist, muss deutlich schneller gehen, als wir das gern hätten. Für Eltern ist Erholung oft nur während der Öffnungszeiten der Kita möglich. Aber auch das kann reichen. Wir nehmen, was wir kriegen können, so funktioniert diese Welt nun einmal. 

Wie also gehen wir mit Erschöpfung um? Ich habe ein paar Ratschläge mitgebracht: 

  1. Achte auf die Warnsignale

Kopf und Körper melden sich schon, bevor es zu spät ist. Menschen schlafen schlechter, sie werden öfter krank. Sie reagieren gereizter, auch bei leichtem Druck. Und sind bei zwischenmenschlichen Interaktionen kritischer. Sie fühlen sich schneller angegriffen. Sie empfinden weniger Freude bei Dingen, die sie sonst gern gemacht haben. Sie machen weniger Sport, essen ungesünder und es fällt ihnen schwerer, gute, gesunde Entscheidungen für sich zu treffen. Das sind die ersten Zeichen. Jedes für sich bedeutet schon, dass es Zeit sein kann, kürzer zu treten.

2. Sei ehrlich zu dir

Der schnellste Weg in einen Burn-out ist es, die körperlichen Auswirkungen zu ignorieren. Erschöpfung zeigt sich nämlich sehr deutlich. Menschen wollen sie nicht wahrhaben, sie suchen alternative Gründe für körperliche Schwächen. Denn Erschöpfung ist kein schöner Grund. Wer erschöpft ist, der hat weniger Kraft, als er für die aktuelle Situation bräuchte. Und das will niemand gern zugeben. Das ist nicht besonders klug – aber es ist verständlich. Überleg dir nur, ob du lieber vor eine Wand knallst, als vorher abzubremsen. 

3. Trau dich, anzuhalten

Dieser Schritt ist ganz schön schwer. Aber wenn du spürst, dass du erschöpfter bist, dann bedeutet dass, dass du schon eine ganze Weile lang über deine Grenzen gehst. Und dann ist es Zeit, das zu lassen. Der erste Schritt aus der Erschöpfung heraus ist es, innezuhalten. Es sich einzugestehen. Und nur zu beschließen, dass sich nun etwas ändern darf. 

Es ist wirklich viel klüger, rechtzeitig eine Pause einzuschieben, eine Zeit für Ruhe oder Kreativität, Orientierung, was auch immer, Hauptsache, es geht dir gut damit. 

4. Sortiere deine Aufgaben

Es gibt Dinge, die kosten viel Energie und bewirken auch viel. Es gibt aber auch Dinge, die viel kosten und wenig bringen. Oder die wenig kosten, aber total viel Energie geben. Anhand dieser Einheiten kannst du dir anschauen, was du tust und was davon du weitermachen willst.

Sport ist ein klassisches Beispiel für etwas, das wir tendenziell falsch einschätzen. Nach einer langen Woche fühlt sich der kurze Lauf durch den Park wie eine zusätzliche Aufgabe an. Wie etwas, das nur noch mehr Energie kostet, von der ja schon so wenig da ist. Aber tatsächlich gibt der Sport Energie, denn er kräftigt den Körper und regt Prozesse an, die uns wacher und klüger machen, entspannter, und die uns besser schlafen lassen. 

Auch oft falsch betrachtet: Präsentismus. Gerade Arbeitnehmende denken, es bewirke so viel, wenn sie immer anwesend sind, immer zeigen, dass sie sich reinhängen. Aber statt unkonzentriert und demonstrativ dauergestresst am Schreibtisch zu kleben wird eine Auszeit der Karriere in der Regel mehr Gutes tun. Und dem Leben sowieso. 

5. Akzeptiere Schwächen bei dir und anderen

Mir ist vollkommen unbegreiflich, wieso wir in der Gesellschaft, in Firmen oder in der Liebe ständig davon ausgehen, alle seien gleich leistungsfähig. Es ist einfach nicht so. Menschen halten sich selbst für die härtesten, aber selbst, wenn sie erkannt haben, dass das nicht stimmt und dass es gerade nicht so gut läuft, halten sie sich den Anspruch warm, zumindest nicht weniger zu schaffen, als andere Mitglieder des Teams. Oder als der Partner oder die Partnerin. Das ist offensichtlich Bullshit. Es ist normal, dass Menschen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich viel schaffen. Und wenn ich als Mutter oder als Partnerin gerade weniger schaffe, dann heißt dass, dass mein Freund mehr machen muss. Umgekehrt gilt es schließlich auch. Und das Gleiche gilt im Job, im Verein, in allen Lebensbereichen. Wir müssen als Gesellschaft lernen, diese grundsätzliche Wahrheit zuzulassen: Menschen sind unterschiedlich stark. Und das ist in Ordnung. Gerechtigkeit bedeutet nicht, die Schwächeren härter ranzunehmen. Gerechtigkeit bedeutet, dass alle Mitglieder eines Teams das leisten, was sie gerade anzubieten haben. Anders gelingt weder die Arbeit noch die Liebe noch das Familienleben.

6. Fordere Entlastung ein

Die direkte Folge daraus, dass wir Unterschiede anerkennen, ist es, dass wir Hilfe einfordern können. Wer erschöpft ist, der braucht Unterstützung. Der sollte weniger machen. Der sollte Gelegenheit bekommen, die Akkus aufzuladen. Stell dir vor, du würdest nachher in einen Zug steigen und du weißt nicht, ob die Steckdosen funktionieren. Früher war das ja immer etwas unklar. Du hast also dein Smartphone an den Strom gehängt, damit es auflädt. 

Würdest du es nun herausziehen, um noch schnell den Boden zu saugen?

Nein, würdest du nicht. 

Stell dir vor, du bist das Smartphone. Dein Akku ist leer. Jetzt gerade kannst du ihn aufladen. Wann du das nächste Mal die Gelegenheit dazu hast, weißt du noch nicht. 

Würdest du das Aufladen unterbrechen, um den Boden zu saugen?

Die logische Antwort lautet: Nein. 

Aber tun Menschen das?

Klar. Die ganze Zeit. Wir behandeln uns selbst schlechter als unsere Smartphones. Herzlichen Glückwunsch. 

Also fordern wir Entlastung ein, wenn wir erschöpft sind. Es ist so banal logisch, so verdammt offensichtlich, dass wir diese Lösung übersehen müssen, wenn wir sie am dringendsten brauchen. Wir müssen das lernen. 

Erschöpfung, da sollten wir ganz klar und ehrlich miteinander umgehen, Erschöpfung bedeutet, dass etwas schiefläuft. Das etwas falsch gemacht wurde. Dass ein Mensch sich überfordert hat oder überfordert wurde. Dass Warnsignale ignoriert wurden. Erschöpfung bedeutet, dass sich etwas ändern muss. 

Wie ich damals drei Wochen zu Hause blieb, Yoga versuchte, spazieren ging und neues versuchte. Ich las viel über Glück und Arbeit, in dieser Zeit notierte ich vieles, das später Eingang in mein Buch fand. Ich lernte. Ich lernte, wie man richtig lebt, auch wenn das Leben anstrengend ist. Es ist ja nicht schlimm, dass das Leben anstrengend ist. Wir müssen nur lernen, richtig damit umzugehen. Und das bedeutet, dass wir Erschöpfung als das anerkennen müssen, was sie ist. Ein Grund für eine Pause.

Ich habe auch eine Episode zur aktiven Erholung, Folge 23 dieses Podcasts.

Und jetzt: Lass es dir gutgehen. Pass auf dich auf. Und bis bald. 

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Kommentar
  • Vielen Dank für diesen ehrlichen, lesenswerten Artikel.
    Obwohl ich viel zu dem Thema lese, hat er mich nochmal wach gerüttelt.
    Ich werde einiges davon intensiver beherzigen.
    Danke dafür.

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