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Nichts funktioniert

Gastgeberin
Isabell Prophet

Ihr habt wahrscheinlich schon am Titel gesehen, dass dies nicht die Folge ist, die ich seit zwei Wochen ankündige. „Nichts funktioniert“ heißt die neue Folge im Podcast Rush Hour. Da könnt ihr euch schon denken, wie die vergangenen zwei Wochen gelaufen sind. Nicht so gut. Heute erzähle ich, wie wir die Gelassenheit wiederfinden und was wir tun können, wenn nichts funktioniert

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Erst war meine Tochter erkältet. Gar nicht besonders doll, aber da war was. Mich hat diese Erkältung dann vollkommen umgehauen. Ich konnte nicht arbeiten, nicht einmal ein bisschen. An den Podcast war nicht zu denken. Als es mir besser ging, war sie nochmal erkältet – eine dieser seltsamen Morgen-Erkältungen, die dann weggehen. Arbeitsprojekte sind schief gelaufen, weil Puffer fehlten. Absprachen liefen aneinander vorbei. Die Zeit, die wir hatten, steckten wir in dringende Projekte.

Und als wir endlich die Folge über Organisation und Selbstmanagement aufzeichnen wollten, stürzte unsere Tochter und verrenkte sich den Hals. Auch das war schnell wieder gut, kostete mich aber noch einen Tag.

Und ich dachte mir: Okay. Ich gebe auf. Es ist in Ordnung. Wir machen das kommende Woche. Also: vielleicht. 

Und heute spreche ich mal darüber, wie wir mit solchen Zeiten umgehen können. Es gibt dieses Sprichwort: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Und das stimmt. Ist wissenschaftlich belegt. Etwas eleganter hat es Matthäus ausgedrückt – der aus der Bibel: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Der Autor meint eigentlich den Glauben, nicht Glück oder weltliche Dinge. Aber das Grundprinzip ist richtig. Heute sprechen wir deshalb auch vom „Matthäus-Effekt“.

Die Soziologen sagen: Erfolg führt zu Erfolg. Das nennt man auch „positive Rückkopplung“. Effekte verstärken einander. Ein Vogel fliegt auf, weil er sich erschreckt hat. Alle anderen folgen diesem Vogel. Alle Vögel sind weg. 

Das erleben wir im Leben so ähnlich. Wer angespannt ist, dem fällt nach der Kaffeedose auch noch die Milch runter. Wer erkältet ist, dessen Immunsystem ist anfälliger. Sport geht auch nicht, der Körper wird schwächer, die Gemütslage dunkler. Effekte verstärken einander. 

Und da ist es. Das Gefühl: Nichts funktioniert. Sachlich ist das dann ja auch korrekt. Es funktioniert wirklich nichts.

Dagegen können wir aber etwas tun. Und es ist nicht anstrengend, es ist eigentlich ganz schön. 

1. Die Lage anerkennen.

Wer aus einer dieser Höllenzeiten herauskommen will, tut gut daran, sie erst einmal anzuerkennen. Ja. Es läuft gerade nicht gut. Der erste Schritt ist immer die radikale Ehrlichkeit. Schlichte Anerkennung, wenn ihr so wollt: Ja, gerade ist alles etwas viel. Nein, so geht das nicht weiter. Oh ja, die Kraftreserven, die waren eigentlich schon gestern erschöpft. 

Wir müssen schlechte Zeiten nicht schönreden. Es wäre auch falsch. Gestresste Menschen, Menschen mit niedrigem Energielevel, die sind reizbarer. Die werden schneller sauer. Die streiten sich mehr. Das lässt sich nicht schönreden, denn das passiert zwischen Menschen. Es gibt einen Grund dafür, ja. Aber es ist trotzdem nicht schön. Erkennen wir den Grund an, wird die Lage aber ein wenig erträgliche

2. Perspektive öffnen

Und sie wird normaler. Denn es geht allen so. Wirklich allen. Wenn die Akkus sich leeren, sinken die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich auf andere einzustellen. Nachzugeben. Flexibel zu sein. Der Blick verengt sich. Das ist normal. Das ist nicht nur bei euch so. Das ist genau so bei den Nachbarn, bei dieser super entspannten Freundin, bei diesem tollen, ewig glücklichen Paar. Die streiten sich alle, wenn die Zeiten hart werden. Und dann wird es noch härter. 

Aber diese Tatsache kann uns helfen, uns mit anderen zu verbinden. Erkennen wir an, dass die Reaktionen normal sind, dann sind sie nicht mehr verwerflich. Das erlaubt uns mehr Gelassenheit.

3. Die eigene Leistung anerkennen.

Andere raten jetzt immer zu Dankbarkeit. Oder dazu, sich gute Dinge zu notieren. Ich mache das nicht. Ich finde, dass etwas anderes sehr viel wichtiger ist: die Anerkennung der eigenen Leistungen. 

Das ist gerade eine total schwierige Phase, aber wie viel Mist hast du schon bewältigt?! Ist doch großartig! Wer sich diesen Moment des Stolzes erlaubt, der stärkt sich damit selbst. Diese innere Kraft ist so wichtig! Ja, Bescheidenheit haben wir alle gelernt, aber wo hätte sie uns je hingebracht? Der wirksamste Effekt der Bescheidenheit ist das Impostor-Syndrom: Menschen denken, sie hätten nichts von dem verdient, was sie tatsächlich erreicht haben.

Also Schluss mit der Bescheidenheit. Und her mit dem Stolz.

4. Die Leistung anderer anerkennen.

Anschließend können wir auch die Leistung anderer anerkennen. Vielleicht hat dein Partner in den vergangenen Tagen dazu beigetragen, dass dein Workload immer weiter anwuchs. Aber vielleicht entdeckst du auch etwas, das er Gutes getan hat. Momente, die ohne ihn schwieriger gewesen wären. 

Wenn du Wertschätzung für dich selbst und Wertschätzung für andere Menschen schaffst, die an der miesen Phase beteiligt sind, dann fühlst du dich stärker und weniger allein gelassen. Du änderst deinen Fokus.

4. Struktur schaffen.

Diese kleine emotionale Vorarbeit war wichtig für den nächsten Schritt. All die Dinge, die gerade passieren, brauchen eine Struktur. Diese Struktur hilft dabei, den Mist rauszuwerfen. Oder ihm zumindest möglichst wenig Platz zuzuweisen.

Miese Phasen, in denen nichts funktioniert, sind oft durch Stress gekennzeichnet. Er stammt dann aus einer Mischung aus zu vielen Aufgaben und zu vielen unvorhergesehenen Ereignissen. 

An letzteren lässt sich manchmal wenig ändern. Tatsächlich passieren weniger Fehler, wenn Menschen sich stärker fühlen. Aber einiges Unvorhergesehenes kommt tatsächlich von außen – das ist manchmal so. Und manchmal verteilt der Zufall diese Ereignisse ungünstig auf einem Punkt. Sind wir stärker – und besser organisiert – können wir ganz anders darauf reagieren. Wir sind dem Leben ja grundsätzlich gewachsen, sonst wäre keiner von uns so weit gekommen. 

Zu viele Aufgaben sind dagegen ein Faktor, an dem wir arbeiten können. Sie gehen natürlich nicht weg. Aber sie lassen sich bündeln. Rechnungen, Buchführung, kurze E-Mails, das alles passt in 20 Minuten konzentrierter Bildschirmzeit am Morgen. Und dann sind diese Dinge weg.

Hausarbeit lässt sich bündeln – oder auch mal bewusst streichen. Manche Dinge funktionieren gerade eben nicht. Und das ist okay. 

Den Rest der Aufgaben könnt ihr besser verteilen, wenn ihr euch überlegt, was euch wirklich wichtig ist. Es gibt diese To-Do-Listen, auf denen ganz viel drauf steht, das nie erledigt wird. Das ist dann meistens nicht schlimm – aber es nervt! 

Viel klüger ist es, sich anzuschauen, was an einem Tag wirklich wichtig ist. Wer krank ist oder ein krankes Kind hat, für den steht die Erholung im Vordergrund. Eine gute Mahlzeit. Vielleicht noch ein halbwegs aufgeräumtes Umfeld, damit sich das Zuhausesein besser anfühlt. 

Und vielleicht ist das alles, was ein Tag braucht. Aufräumen ist übrigens gelebte Selbstwirksamkeit. Menschen tun etwas, es geht schnell, es ist nicht wirklich anstrengend und man sieht sofort einen Effekt. Perfekt. An harten Tagen räume ich die Unordnung meines Wohnzimmers unsortiert in Boxen. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Dabei geht es nicht darum, direkt einen Idealzustand herzustellen. Es geht nur darum, dass ich mich in meiner Umgebung wieder besser fühlen will. 

Dinge bewusst wegzulassen kann sich hervorragend anfühlen. Stark. Selbstbestimmt. Manchmal ist es dann auch die Akzeptanz des Chaos: Ja, der Haushalt funktioniert gerade nicht. Und weil wir das anerkannt haben, haben wir mehr Ressourcen für den Rest.

5. Gute Erlebnisse schaffen.

Und dann können wir nach vorn schauen. Vielleicht liegt dazwischen noch ein reinigendes Gewitter, das gehört ja manchmal dazu. Aber wenn der Laden halbwegs organisiert ist, dann bleibt auch wieder Energie, um positive Erlebnisse zu schaffen. Vielleicht funktioniert gerade nichts – aber immerhin kannst du deine Lieblingspizza bestellen, 20 Minuten mit einem Buch verbringen, auf das du dich schon lange freust, im Badezimmer Musik hören oder einer Freundin eine Nachricht schicken und ein gemeinsames Wochenende vorschlagen. 

In den ganz schlechten Zeiten gerät ihre wichtigste Eigenschaft ganz schnell aus dem Blick: Sie gehen vorbei. Ja, sie gehen wirklich vorbei. Das macht sie nicht weniger hart. Aber das macht sie erträglicher. Und es ist ganz normal, dass man in einem dunklen Tunnel zunächst das Licht nicht sieht. Der Tunnel ist ja schließlich dunkel. 

Und ich kann mich auch sehr gut in schlechte Zeiten reinsteigern. Vermutlich können das alle Menschen. Da ist auch gar nichts Verwerfliches dran, es gehört dazu. Doch wenn wir den Gedanken nicht zu lassen, dass es auch wieder besser wird, dann kann es nur durch einen Zufall von außen besser werden. Und den müssten wir dann auch noch bemerken. 

Das scheint mir keine sehr gute Strategie zu sein. 

Meine Strategie gegen „nichts funktioniert“-Phase aus dieser Folge lässt sich so zusammenfassen:

Ich erkenne an, dass Dinge nicht funktionieren.

Ich erinnere mich aktiv daran, dass es anderen Menschen auch so geht. 

Ich erkenne an, dass ich trotzdem einiges gut gemacht habe. Und die Menschen um mich herum auch. 

Ich schaffe eine Struktur, die mich entlastet. 

Und dann schaue ich, das ich etwas schaffe, das mir Freude bereitet. Kontakt zu einer Freundin oder ein guter Plan fürs Wochenende. 

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