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Ein Jahr Working Parents

Gastgeberin
Isabell Prophet

Vor einem Jahr ist meine Tochter in der Kita angekommen. Sie futterte sich sehr bald durch den Speiseplan, schlief gut und kuschelte ihre Erzieherinnen. Sie war noch etwas schweigsam, machte aber alles mit. Und ich? Ich arbeitete wieder. Ich lernte neue Medienhäuser kennen, erhöhte meine Preise, startete diesen Podcast und fand einen neuen Rhythmus. In der neuen Folge RUSH HOUR erzähle ich, 

  • wie es mir in diesem Jahr erging, 
  • was ich über unsere Gesellschaft und mich selbst darin gelernt habe, 
  • wie ich mich selbst in die Erschöpfung trieb 
  • und wie ich inzwischen arbeite, um besser zu leben. 
  • Ein paar Tipps an mein Ich von vor einem Jahr habe ich auch noch dabei.

Das Leben als Kita-Eltern ist anders strukturiert, als das Leben als Selbstständige ohne Kind. Das klingt einfach und logisch, ist aber doch anders, als ich gedacht hatte. Ich hatte erwartet, dass ich mich würde einschränken müssen. Dass ich weniger machen würde. Aber Kita-Tage haben eine sehr klare Struktur. Dass mir das etwas bringt, ist eigentlich erstaunlich. Strukturiert war ich vorher auch schon. Aber lange nicht so effizient und entspannt, wie ich gedacht hatte.

Heute läuft es bei uns so:

Morgens bringt mein Freund unsere Tochter hin, am Nachmittag hole ich sie ab. Die Stunden danach verbringen wir überwiegend als Familie, meist mit Menschen aus der Nachbarschaft. Das geht so, weil wir überwiegend zu Hause arbeiten, also keine Pendelzeit haben.

Anfangs waren die Tage durchaus verkürzt, aber je weiter das Kita-Jahr voranschritt, desto länger blieb unsere Tochter dort. Natürlich hatten wir auch zeitliche Beschränkungen durch die Folgen der Corona-Pandemie. Der Faktor Alter war aber wichtiger: Eine Anderthalbjährige holt man früher ab, als eine Zweieinhalbjährige. Als schwierig empfunden habe ich das nicht. Es war eher eine sinnvolle Beschränkung, die mich davon abhielt, zu schnell zu viel zu machen. Ich komme später noch dazu, warum das durchaus sinnvoll war.

Die Arbeitstage bekommen durch die Kita-Zeiten einen fixen Rahmen. Für mich beginnen sie morgens um halb acht und endeten anfangs kurz vor drei am Nachmittag, inzwischen gegen vier. Achteinhalb Stunden also. Für eine selbstständige Journalistin ist das mehr als genug Zeit. 

Ich traute dem Frieden nicht

Probleme entstanden eher in meinem Kopf: Ich traute dem Frieden nicht. Nie. In den ersten Kita-Wochen wartete ich ständig darauf, dass eines unserer Telefone klingelte. Doch das geschah ausgesprochen selten. In mir richtete diese innere Aufregung allerdings einiges an: Ich arbeitete immer hektischer, immer gedrängter. Aufträge erledigte ich so schnell ich konnte.

Dahinter steckte immer wieder die Sorge: Was, wenn unsere Tochter krank wird? Was, wenn wir in Quarantäne müssen? Was, wenn wir selbst krank werden? 14 oder 15 Infekte machen Kinder im ersten Kita-Winter durch, einige nehmen die Eltern mit. Das ist keine der üblichen Horror-Geschichten, das ist schlicht eine medizinische Notwendigkeit. Die Immunsysteme müssen lernen und sollen das auch.

Doch so krank, dass sie zu Hause bleiben musste, wurde sie nur selten, das lag an der Corona-Pandemie, den verkleinerten Kita-Gruppen, der Hygiene. In Quarantäne mussten wir bislang nicht, zwei kurze freiwillige Isolationsphasen ausgenommen. Da gibt’s kinderlose Familien, die härter getroffen wurden.

Im August hatte die Kita-Eingewöhnung meiner Tochter gestartet. Sie dauerte dann exakt zwölf Tage – zehn, wenn man die zwei Tage Fieberpause rausrechnet. Und dann hatte ich ein Kita-Kind und tagsüber jede Menge Zeit für mich, für meine Arbeit, für Sport und dafür, mich selbst neu zu finden. Es standen Fragen im Raum: Für wen arbeiten? Will ich wieder Nachrichten machen – kann ich das überhaupt leisten? Will ich noch ein Buch schreiben? Kann ich diesen Podcast leisten?

Die meisten Fragen beantwortete ich mit Ja und schaffte mir in den Wochen eine Balance, die funktionierte. Jedenfalls bis zum Winter.

Freundschaft und Loyalität waren die wichtigsten Faktoren meines Wiedereinstiegs. Meine ersten Aufträge kamen über Menschen, die ich schon kannte. Über die Freundin, die mich mit einem neuen Medium in Kontakt brachte. Über Menschen, mit denen ich früher gearbeitet hatte. Ein Medium, für das ich früher eine wöchentliche Kolumne schrieb, ghostete mich eiskalt. Alle anderen akzeptierten, dass ich durch die Elternschaft nun höhere Honorare aufrufe. Ich war in Hochstimmung – die meisten Menschen waren einfach wahnsinnig nett zu mir. 

Früher hatte ich meine Arbeitszeit eher in Wochen eingeteilt und so auch meine Aufträge geplant. Heute denke ich eher in Monaten, das gibt mir mehr Flexibilität. Ich plane meine Aufträge immer einige Wochen im Voraus, so dass ich weiß, dass ich Geld verdienen werde und wann ich Zeit für größere Projekte brauche. Und ich lasse immer etwas Pufferzeit, falls doch mal etwas passiert. 

Eltern sind viele

Es gab also klare Strukturen, die uns die Arbeit und Zusammenarbeit erleichtert haben. Ganz wichtig ist auch eine Besonderheit meiner Familie: Mein Freund und ich sind inzwischen beide selbstständig. Und daraus haben wir wahnsinnig viel gelernt, das uns als Festangestellte vielleicht entgangen wäre. Obwohl es auch für Firmen locker möglich wäre, ähnliche Bedingungen für Kleinkindeltern zu schaffen. Stattdessen spricht man dann oft von angeblichen Sonderregelungen, die Eltern ständig bräuchten. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass etwa 80 Prozent der Frauen in ihrem Leben mindestens ein Kind bekommen. Die Tendenz fällt – bislang allerdings sehr langsam. Eltern sind kein Sonderfall, Eltern sind viele! 

Gerade hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berichtet, dass viele Eltern während der Corona-Pandemie nachts arbeiten mussten. Das ist keine arbeitsfreundliche Lösung für das Problem der Betreuung. Das ist reine Schikane.

Der Normalfall ist die Flexibilität meiner Familie nicht, das ist mir bewusst. In der Medienbranche, aus der wir beide kommen, gehen normale Arbeitstage mindestens bis 18 oder 19 Uhr. Dazu kommen Fahrzeiten. So geht es vielen Familien in vielen Branchen. 

Wer sein Kind also gegen 16 Uhr aus der Kita holt, hat danach noch mehrere Stunden allein zu bestreiten. Das kann schön sein, es kann aber auch zehren. Es summiert sich schnell auf zehn, fünfzehn Arbeitsstunden in der Woche. Unbezahlte Arbeit ist eines der größten Gerechtigkeitsprobleme in Familien. Einer Person, oft genug der Frau, wird unterstellt, sie könne und müsse das eben leisten. Aber diese Nachmittage sind lang und sie kosten etwas: Denkzeit. Diese fehlende Zeit fehlt der Karriere, der Persönlichkeitsentwicklung, der inneren Ruhe und der Gesundheit. Ungerechte Verteilung von Familienlasten und Alleinzeit, selbst wenn sie gefühlt freiwillig entsteht, ist eine ungerechte Verteilung von Leben. So werden Frauen zu den Verschleißteilen unserer Gesellschaft.

Als mein Freund noch angestellt war, fehlte mir die freie Denk-Zeit am späten Nachmittag oft. Vor meiner Tochter hatte ich nachmittags gelesen, Inspiration und Ideen gesammelt, manchmal noch eine dritte Schreibzeit eingeschoben, wenn die Ideen unbedingt rausmussten. Als Kita-Mutter schreibe ich in den Morgenstunden und manchmal mittags noch einmal. An der Produktivität ändert das gar nicht so viel, wohl aber an der Kreativität: Mir fehlte die Zeit, mir die Welt anzuschauen. Das kostet Ideen.

Und mein Stress-Level stieg. 

Mit dem Jahreswechsel machte mein Freund sich selbstständig. Ab da wurden die Nachmittage leichter. Nur die Zeit zum freien Denken, die nahm ich mir viel zu selten. Ich war schon zu tief drin in meinem Gefühl von schneller, mehr, enger. Trotz klarer Regeln stieg meine innere Nervosität an. 

Ich hielt mich für unverwundbar

Damals hielt ich mich für unverwundbar. In der Kita lief es großartig. Bis zum zweiten Lockdown im Dezember lief ich dreimal in der Woche Runden im Park, immer mehr, immer schneller. Seit Januar hatte ich ein Mittel gegen die Schlafstörung gefunden. Ich war gesund, zufrieden, stark.

Aber das Laufen stellte ich ein, denn ich wollte die Notbetreuung nicht für Sport nutzen und abends war ich zu müde dafür. Als Autorin wurde ich gefragter und arbeitete mehr. Ich aß mehr Zucker, als ich eigentlich mag, und trank jeden Abend Wein. Mein Antrieb stieg, aber alles war auf Verschleiß ausgelegt. Und meine Zündschnur wurde kürzer. 

Über die Wochen und Monate hinweg begann ich, mich zu schinden. So entstanden logischerweise Freiräume – die ich brav mit noch mehr Arbeit füllte. Im März, April und Mai arbeitete ich so viel und so schnell, dass ich manchmal abends zitternd auf dem Sofa saß und wartete, bis der Abend endlich rum war. Ich war nicht ausgebrannt, aber schon ziemlich arg angekokelt.

So kann man weder gut arbeiten noch leben. Im April startete ich mit Pilates, mindestens drei mal in der Woche für eine Stunde. Das half ein wenig, denn es zwang mich, etwas anderem als Arbeit Priorität zu geben: mir selbst.

Ab Mitte Mai fuhr ich ganz langsam wieder runter. Es gab keinen magischen Moment. Ich lebte zu dieser Zeit wie eine Festangestellte mit übler Chefin, doch die Chefin war ich und ich gelobte Besserung. Ich plante anders. Ich sagte Nein zu Dingen, die mich überfordern würden und Ja zu mir selbst, meiner Gesundheit, meiner Kreativität und meiner Lebensfreude.

Und natürlich hat das Konsequenzen. 

Finanziell änderte sich gar nichts für mich, das ist das Erstaunliche daran. Ich arbeite anders, nicht grundsätzlich weniger. Mein Energielevel ist höher, alles macht mehr Spaß, ich habe wieder Ideen.

Gut sein ist anstrengend

Doch ein solcher Rhythmus funktioniert natürlich nicht für jedes Medium. Ein weiteres Nachrichtenhaus gh36ostete mich, nachdem ich zweimal Anfragen für sehr kurzfristige, aufwendige Stücke abgelehnt hatte. Das ist schade, denn ich hatte mit den Menschen dort wahnsinnig gern gearbeitet.

Aber ich hatte es eben mehrmals am Wochenende getan, mit allen Sorgen, die dazugehören. Ein Familienwochenende ist nicht schön, wenn ein Elternteil immer die nagende „Schaffe ich das?“-Frage im Hinterkopf hat. Ohne Kind wäre das egal gewesen, ich arbeite ja grundsätzlich gern. Aber mit Kind? Es ist schlicht unangenehm. 

Früher war ich die Person für Dinge, die dringend sind und sehr gut werden müssen. Ein bisschen bin ich das immer noch. Aber das heißt nicht, dass ich alles zusage, was grundsätzlich möglich ist. Früher war „Schaffe ich das?“, eine zentrale Frage für mich. Heute ist „will ich das auch?“, genauso wichtig. 

Es geht dabei also nicht darum, dass wir uns als Paar und Eltern gegenseitig Arbeitszeit verschaffen. Natürlich tun wir das, wenn es notwendig ist. Wenn ich eine Ärztin interviewe, die tagsüber ihre Patientinnen und Patienten versorgt und deshalb erst um 17 Uhr Zeit hat, dann mache ich das gern zu dieser Zeit. Aber Termine mit Menschen, die ganz objektiv betrachtet auch früher am Tag Zeit für mich rausschlagen könnten? Mache ich nicht am Nachmittag. Ich habe keinen Grund. Wer uns als Familie nicht den Respekt entgegenbringt, in diesem sehr langen Zeitfenster von morgens bis nachmittags einen Termin zu ermöglichen, der zeigt sich nicht gerade als guter Geschäftspartner. Dann geht’s halt nicht.

Dinge möglich machen

Ich habe Freundinnen, die als Eltern frei weiterarbeiten. Sie lassen sich die Familie nicht anmerken. Ich halte das für einen legitimen Weg. Es ist nur nicht mein Weg. Ich verschiebe so gut wie nie berufliche Deadlines, aus Prinzip schon nicht. Aber ich habe es auch schon gemacht, wenn es sein musste. Und ich stieß auf Verständnis. Mein Freund und ich sagen nicht-zeitkritische Termine ab, wenn unsere Tochter zu Hause bleiben muss. Wir arbeiten dann so, dass es für beide funktioniert. 

Das sind dann sehr lange Tage, klar. Ist unsere Tochter krank zu Hause, dann sind wir als Eltern unserer Zweieinhalbjährigen zwölf Stunden lang gefordert. Die erste und die letzte Stunde brauchen wir immer als Familie, wir starten in den Tag und beenden ihn wieder. Bleiben noch zehn. In diesen zehn Stunden finden wir beide jeweils bis zu fünf Stunden Arbeitszeit  – ohne Qual sind es eher nur vier. Einige Tage lang geht das ziemlich gut und reicht auch. Würde es nicht reichen, blieben noch die Abendstunden. In manchen Familien bleibt hier nur eine Stunde übrig, bei uns sind es – ohne Mittagsschlaf gedacht – drei oder vier. Fiebert das Kind, sind es mehr, denn kleine Glühwürmchen schlafen oft lang und tief.

Als ich noch keine Kinder hatte, habe ich mir oft die Frage gestellt, was passiert, wenn keiner kann. Diese inneren Dialoge sind perfide. Jede Lösung wird abgelehnt. Ich sage einen Termin ab – aber was, wenn das nicht geht? Mein Freund arbeitet später am Tag – aber was, wenn das nicht geht? Die Nachbarinnen und Nachbarn, die Freunde, die Großeltern – was, wenn nichts davon geht?

Diese Fragen sind dämlich. Es kommt einfach nicht vor. Als Erwachsene sind wir Menschen, die Probleme lösen können. Mein ganzes Leben besteht daraus, Probleme zu lösen. Entsprechend gut bin ich darin, auch meine eigenen Probleme zu lösen. Und wenn keiner kann, dann muss einer es möglich machen. Als ich noch als Praktikantin bei der Lokalzeitung war, habe ich diese Frage auch einmal gestellt: Was machen wir denn, wenn alles schiefgeht?

Der Redakteur sagte: Es ist ganz egal, was passiert. Am nächsten Tag erscheint immer eine Zeitung. 

Diese Sätze leiten mich bis heute durchs Leben. Es geht weiter. Das keiner-kann-Szenario tritt nicht ein, weil wir eben doch können. Weil am Ende das Kind wichtiger ist. Sie ist ein Mitglied unserer Familie, ein Mitglied unseres Teams. Wir betreuen sie nicht. Wir leben gemeinsam mit ihr unser Leben.

Die Illusion von Freiheit und Gerechtigkeit

Trotzdem können wir im Notfallmodus ohne Kita nicht mehr als einige Tage fahren. Es wird zu anstrengend und es geht zu viel persönliches verloren. Gleichzeitig sehen wir: Wenn wir Krankheitstage zusammen organisieren, dann können wir beide fast alles schaffen, was wir uns vorgenommen haben. Das funktioniert so nicht, wenn nur ein Elternteil den Krankentag stemmt. Diese Person schafft dann nichts, weder beruflich, noch für sich selbst. Sie wird ihre Arbeit in der Regel nachholen müssen, also nach der anstrengenden Pseudopause unter höherem Druck weiterarbeiten.

Und dazu kommt noch die absurde Annahme, dass ja die Hausarbeit auch die Person erledigen müsse, die „frei“ hat. FREI! Wir kommen direkt aus den Kita-Sommerferien und hier zu sitzen und etwas zu arbeiten ist der wahre Urlaub für mich.

Aber wie viele Frauen denken genau so von sich selbst? Dass sie ja nicht in der Firma waren, also für alle Hausarbeit zuständig sind. Über Generationen hinweg wurde so ein Bild geschaffen, dass in die Unfreiheit geführt hat. Die ungerechte Verteilung von Familienlast führt in eine Unfreiheit des Denkens und des Handelns. So werden Menschen kleingehalten.

Das ist wohl das Wichtigste, dass ich aus unserer Doppelselbstständigkeit als Eltern eines Kita-Kindes gelernt habe: Gerechtigkeit erfordert Flexibilität. Als Selbstständige können wir uns diese Flexibilität selbst ermöglichen. Firmen werden nachziehen müssen. Diese Flexibilität kostet keine Produktivität, keine Leistung. Sie wird aber ein bedeutsamer Faktor sein, wenn es darum geht, Fachkräfte anzuwerben und über die Jahre zu halten. 

Etwas weniger Magie

Früher war ich stolz darauf, mit ein wenig Magie die Arbeitsprobleme aller Menschen lösen zu können. Du brauchst in drei Stunden eine Reportage? Ich hab da was, schreib’ ich dir. Dir fehlt ein Expertinnen-Interview für das unerwartete Nachrichtenereignis? Ich finde schon wen. Acht Stunden Schulung in einer fernen Stadt mit einem halben Tag Vorlauf, weil ein Dozent abgesprungen ist? Krieg ich hin. Das war übrigens noch in der Schwangerschaft. 

Diese Dinge sind noch immer möglich. Ich denke nur besser nach. Ich hinterfrage mehr und ich nehme mehr Geld für Aufträge, die von uns als Familie verlangen, dass wir uns über Gebühr strecken. Magie kostet extra. Übrigens können die meisten Menschen es vollkommen verstehen. Wer seine Absagen oder höhere Honorare begründen kann, der bekommt sie auch. Mein Gefühl sagt: Die Menschen zahlen momentan gern drauf, wenn sie dafür mehr bekommen und gleichzeitig das Gefühl haben, gerecht zu sein. Und ich fordere diese Gerechtigkeit für mich ein. 

Das war mein erstes Jahr als Mutter eines Kita-Kindes und ein Einblick in unser erstes Jahr als working parents. 

Ich kann nicht sagen, dass ich mich nie wieder so überfordern werde, wie in diesem Frühjahr. Ich kenne mich ja – klar passiert das wieder. Hoffentlich merke ich es dann etwas eher. Ich kann aber sagen, dass die klare Struktur der Tage und die sehr bewusste Priorisierung von Aufgaben und Ansprüchen sicherlich mein weiteres Arbeitsleben prägen wird.

Im nächsten Leben dann

Hätte ich die Möglichkeit, würde ich mir selbst in der Vergangenheit und euch da draußen, die vielleicht nicht die gleiche berufliche Flexibilität haben, folgendes raten:

  1. Eure Bedürfnisse stehen ganz oben. Sie sind wichtig. Diese Haltung, dass sich alles um die Kinder drehen soll und das wir als Eltern uns täglich zerreißen, ist eine sehr moderne Idee. Und sie ist falsch. Sie zementiert ein längst überholtes Frauenbild erneut. Sie ist Ausdruck von Eltern, meist Müttern, die Angst davor haben, dass andere sich anders entscheiden, als sie selbst es getan haben. Aber als Eltern müssen wir es aushalten, dass andere Dinge anders tun, als wir selbst es getan haben. Und immer mehr von uns nehmen sich selbst wichtig. Kinder sind auch wichtig, ihre Bedürfnisse sind wichtig. Weil sie ein Teil unserer selbst geschaffenen Familie sind. Aber das sind wir als Mütter und Väter und Eltern eben auch. Das Recht darauf, sich um sich selbst zu kümmern, resultiert nicht daraus, dass wir bessere Eltern sind, wenn wir auf uns achten. Das Recht darauf resultiert aus unserer Menschlichkeit. Kinder sind Menschen, Eltern sind auch Menschen. 
  2. Flexibilität kann man nicht nur einfordern. Es reicht nicht. Man muss sie sich machen. Wer sich darin ergibt, nicht flexibel zu sein, begibt sich in einen Opfermodus. Das ist bequem, klar. Aber es geht auf Kosten der anderen Familienmitglieder und es ist unumkehrbar. Ein verlorenes Wochenende der Kindheit kommt nie zurück. Und aus diesem Wochenende werden bald Monate, bald Jahre. 
  3. Es gibt keine Preise für Überarbeitung, für Aufopferung, für Selbstkasteiung. Niemand dankt dir. Niemand nimmt dir etwas ab. Du schadest dir nur selbst. Also lass das. Fordere Hilfe ein.
  4. Achte auf dich. Es ist normal, dass wir uns immer wieder überfordern. Niemand wird kommen, um dich zu retten, egal, wie leidend du guckst. Rette dich selbst. Warte nicht, bis du zusammenbrichst. Wenn du auf der Autobahn aus der Spur gleitest, greifst du zum Lenkrad und ziehst zurück in die Mitte. Du wartest nicht, bis du in den Baum knallst oder in ein anderes Auto. Behandle dich selbst genau so gut.

Diese Podcastfolge habe ich am ersten Tag des neuen Kita-Jahres vorbereitet. Ich weiß noch nicht, wann ich meine Tochter abholen werde. Oder ob sie vielleicht gleich mit leichtem Fieber aus dem Mittagsschlaf aufwacht. Vielleicht wird das irgendwann in dieser Woche passieren, was blöd wäre, aber verschmerzbar. Solche Dinge passieren. Ich habe gelernt, dass wir als Eltern solche Querschläger besser abwehren können, wenn wir uns nicht ausbrennen. Wir stehen stabiler, wenn wir weicher stehen, flexibler. Aber eben zusammen.

Zur Doppelselbstständigkeit mit Familie haben wir auch schon zwei Folgen aufgenommen, 32 und 27 in diesem Podcast. In den Shownotes zu dieser Folge findet ihr außerdem den Link zu meinem Text bei Business Insider. Ich beschreibe darin die seltsame Rolle, die Eltern in unserer Gesellschaft zugewiesen wird, obwohl sie die Mehrheit sind.

Kinder zu haben gilt im deutschen Arbeitsleben als Sonderfall, als Belastung, der eine Firma ausgesetzt ist und auf die sie gnädig mit Sonderregeln reagiert. Das liegt daran, dass Frauen und Kinder lange unsichtbar blieben. Und leise.

Unter dieser Wahrnehmung leiden vor allem die Karrieren der Frauen. Männer sind in gleicher Härte betroffen, sie verlieren unwiederbringliche Zeit mit den Kindern an die Firma – die genau zur Zeit der Elternschaft Loyalitätsbeweise fordert. Das habe ich in meinem Freundeskreis oft genug gesehen.

Viele Männer und Frauen leben gern ohne Kinder. Dennoch bleiben sie eine Minderheit. Die Gesellschaft sollte Elternschaft daher als eine sehr verbreitete Variante des Normals begreifen – und Strukturen schaffen, in denen Eltern gut arbeiten können. Und leben.

Und jetzt: Vielen Dank fürs Zuhören – und bis bald.

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